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Südosteuropa und Türkei vom 27. August bis 5. November 2013

Wir haben uns, wie bereits 2012 mit der Marokko-Tour, für eine organisierte Reise mit „Seabridge“, einem Womo-Reiseveranstalter aus Düsseldorf entschieden. Obwohl diese Form der Reise vermutlich teurer als eine Individualreise ist, hat sie auch Vorteile. Die Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten entfällt, um Fährbuchungen muss man sich nicht kümmern und auch Ausflüge und Stadtbesichtigungen sind organisiert. Neue Bekanntschaften werden geschlossen und neue Freunde gefunden. Und die Geselligkeit kommt nicht zu kurz, wenn sie gewollt ist. Aber, und das war für uns mitentscheidend, jeder fährt für sich. Keine Fahrt in Kolonne.

Unsere Reise führt uns über Wien nach Ungarn, Rumänien, Bulgarien nach Griechenland. Hier endet die erste Tour. Während die meisten Mitreisenden sich hier verabschieden werden um mit der Fähre nach Venedig zu fahren, genießen wir 3 freie Tage bevor wir ab Griechenland die die zweite Tour, dann durch die Türkei, in Angriff nehmen, die ebenfalls wieder zurück über Griechenland in Venedig ihren Abschluss finden wird.Reiseroute Südosteuropa und Türkei

 

von Wien nach Szombathely

01.09.
Heute wollen wir nicht nur Wien, sondern auch Österreich verlassen. Anders als die meisten Mitreisenden, werden wir auf die Benutzung der Autobahn verzichten. Einerseits, weil wir nicht für die letzten 30 km noch eine Vignette kaufen wollen, andererseits, weil wir Autobahn langweilig finden. Wir verlassen deshalb Wien Richtung Schwechat, vorbei am Flughafen, fahren dann zum Neusiedler See und machen in Illmitz noch einmal Halt für einen Cappuccino und ein Eis, bevor wir dann gleich über die ungarische Grenze kommen und nach Fertöd weiter fahren. Das war dann die Alternativstrecke zur empfohlenen Route, auf der der Neusiedler See aber nur bei der Anfahrt zu sehen war. Aber es geht durch schöne Weinorte und Illmitz ist bestimmt auch noch einmal einen Aufenthalt wert. Schloss Esterhazy, das Versailles Ungarns und Bestandteil des Weltkulturerbes der UNESCO, ist jetzt unser Ziel. Hier erwartet uns eine sachkundige und vergnügliche Führung durch das Schloss, welches zu 90% aus EU-Mitteln und 10% aus dem Staatshaushalt Ungarns wieder aufgebaut und restauriert wird.  Zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch ein kleines Jagdschloss, wurde es unter Fürst Nikolaus I. nach dem Vorbild von Versailles in einem Zeitruam von 64 Jahren aufwändig umgebaut. Hier wirkte auch über drei Jahre Joseph Haydn als Hofkomponist und seine „Abschiedssymphonie“, in deren Verlauf ein Musiker nach dem anderen seine Noten zusammenfaltete und die Bühne verließ, wurde hier uraufgeführt.

Meine 200-Forint-Scheine aus einem früheren Aufenthalt in Budapest werden wir am Parkplatz nicht los. Erst bei einem Bäcker in Szombathely erfahren wir, dass sie inzwischen ungültig sind.
Weiter geht’s über sehr wellige aber weitgehend lochfreie Landstraßen zum Tagesziel nach Szombathely, dem antiken Savaria und späteren Stein am Anger. Köszeg lassen wir aus und sehen uns stattdessen die Altstadt von Szombathely an. Die Stadt liegt direkt an der von Kaiser Tiberius (14-37 n. Chr.) begonnenen Bernsteinstraße und verdankt diesem Umstand seine Entwicklung. Sie ist wahrscheinlich die älteste römische Stadtgründung in der römischen  Provinz Pannonien.

Wir sind dann rechtzeitig auf dem Stellplatz um pünktlich um 18 Uhr am Briefing teilzunehmen. 19.30 Uhr ist Abmarsch zum nahen Restaurant zum gemeinsamen Abendessen, gesponsert von der Reiseleitung. Sehr schmackhaft, der Rotwein und der Palinka schmecken auch, angenehme Unterhaltung und am Ende gehören wir wieder zu den Letzten die den Campingplatz erreichen.

 

Budapest den ganzen Tag

04.09.

Heute ist Sightseeing angesagt. Budapest in vollen Zügen.

Wir werden mit dem Bus vom Platz abgeholt und fahren direkt ins Zentrum. Heldenplatz, Gellertberg, Fischerbastei und weitere Highlights stehen auf dem Programm, bevor wir dann mit dem Bus weiter zum 11 km entfernten Szentendre fahren, einem kleinen Ort mit sieben Kirchen,  griechisch-orthodox, die ihr Bestehen aus der Tatsache ableiten,  dass der Ort von griechischen Auswanderern gegründet wurde, die seinerzeit vor den Osmanen geflüchtet waren. Später wurde es ein Künstlerdorf und heute ist es leider nur noch ein Ort in den Touristen mit Bussen gekarrt werden.

Von hier geht es dann mit dem Schiff zurück nach Budapest. Dort wartet bereits der Bus für die Rückfahrt zum Campingplatz. Wir und unsere schweizerischen Freundinnen entschließen uns in der Stadt zu bleiben und noch ein wenig das Nachtleben zu genießen.  Das tun wir auch, essen gut und lassen uns später mit dem Taxi zum Platz bringen.

Tanya Csarda in der Puszta

05.09.
Wir starten beizeiten, weil wir nicht länger schlafen konnten. Über uns scheint die Einflugschneise des Budapester Flughafens zu verlaufen. Ein Glück, dass hier offenbar Nachtflugverbot herrscht. 20 km lang ist unsere erste Etappe bis nach Gödöllő. Unser Ziel ist das Königliche Schloss, welches Königin Elisabeth (Sisi) als beliebter Erholungsort diente. Nach dem 2. Weltkrieg war es dann sowjetische Kaserne, dann Sozialheim und verfiel mehr und mehr. Erst Anfang der 90-iger Jahre wurde mit Renovierungsarbeiten begonnen und seit 1996 kommen Gäste aus aller Welt. Es ist noch nicht alles fertig, aber ein schönes Museum ist zu besichtigen, der Park ist hergerichtet, ein Theater ist vorhanden, aber nur mit Führung zu sehen. Sisi wird in Ungarn sehr verehrt und das spürt man auch.

 

Wir fahren ein Stück zurück Richtung Budapest und dann weiter über die 5 zum Gestüt „Tanya Csarda“ und finden einen sehr schönen Platz auf Rasen unter Bäumen. Hier erwarten uns eine Kutschfahrt über das weitläufige Gelände, eine beeindruckende Reitervorführung und ungarischer Gulasch zum Abendessen. Einige, auch ich, nutzen die Gelegenheit auch selbst einmal aufs Pferd zu steigen und mit der Peitsche gelingt es mir anschließend eine Flasche vom Geländer zu schlagen, was uns eine Flasche Rotwein einbringt. Astrid hatte es vorher auch versucht, die Flasche aber nur leicht berührt, aber ich konnte mich schon mal daran orientieren. Beim Abendessen gab es als Zugabe ungarische traditionelle Musik. Den weiteren Abend haben wir dann mit Freunden und einigen weiteren Flaschen Wein auf dem Platz verbracht.

Über Kecskemet, Opusztaszer und Szeged nach Rumänien

06.09.
Wir verlassen das schöne und gastfreundliche Gestüt, legen die CD mit Musik von den Musikern des gestrigen Abends ein und starten nach Süden Richtung Kecskemet. Immerhin die achtgrößte Stadt Ungarns. Wir finden im Zentrum einen Parkplatz und beginnen unseren Rundgang im Herzen der Stadt, der großen Parkanlage zwischen Freiheitsplatz und Kossuth-Denkmal. Ringsum stehen viele prachtvolle Gebäude, mehrere davon im Jugendstil. Das Rathaus, von dessen Glockenturm dreimal am Tag Melodien erklingen, beherbergt die Touristinformation. Die spätbarocke Hauptkirche mit sehenswerten Wand- und Deckenmalereien steht gleich daneben. Sie wird gerade für das Erntedankfest vorbereitet.

Wir treffen einige der Mitreisenden, trinken gemeinsam einen Cappuccino und verlassen die Stadt über die B5, füllen unterwegs bei Tesco unsere Vorräte auf und erreichen Kiskun-felegyhaza, was wir durchfahren, denn die Zeit wird wieder einmal knapp. Wir müssen uns wohl doch angewöhnen am Morgen früher zu starten. Wir erreichen den Campingplatz in Opusztaszer gegen halb vier, fahren daran wenige Meter vorbei und besuchen den Emlekpark, den Nationalen Historischen Gedenkpark Ungarns, den jeder Ungar gesehen haben muss. Hier versammelten sich 896 die Magyaren, sieben Stammesfürsten unter Führung von Arpad, um das zuvor eroberte Land aufzuteilen. Die sogenannte „Landnahme“. Hier wird die Geschichte Ungarns in einem riesigen Freilichtmuseum dargestellt, es finden Reiterspiele statt und in einer großen Rotunde ist die Landnahme in einem großen Panorama dargestellt, welches anlässlich der 1000-Jahrfeier, dem Millennium geschaffen wurde.

Auch hier bleibt uns zu wenig Zeit, müssen wir doch noch unseren Anteil für das gemeinsame Abendbuffet vorbereiten und unseren Grill bereit machen. Ähnlich wie auf der letztjährigen Marokko-Tour leistet heute jeder seinen Beitrag zum Abendessen mit Salaten und anderen Speisen. Und diejenigen die Grills dabei haben wie wir, stellen diese allen zur Verfügung.

07.09.
Heute kommen wir früher weg, denn wir wollen Szeged, der Universitätsstadt an der Theiß, noch einen Besuch abstatten, bevor wir dann Ungarn verlassen werden. Es lohnt sich. Auch hier viel Grün, prachtvolle Bauten, ein Dom, dessen Malerei beeindruckt und große weitläufige Plätze mit südländischem Charme.

Unser Navi leitet uns zu einer Fähre über die Theiß, aber der Fährmann nimmt uns nicht mit nachdem wir bereits eine viertel Stunde auf ihn gewartet haben und die Fähre eigentlich für Fahrzeuge bis 10 t zugelassen ist. Wir seien zu lang. Also zurück, über die Brücke und auf die 43 Richtung Rumänien. Der Grenzübergang gestaltet sich problemlos. Auf ungarischer Seite einfach durchfahren und bei den Rumänen reicht der Ausweis. Die „Rovinette“ müssen wir noch erwerben, die rumänische Straßenbenutzungsgebühr, und sieben Kilometer hinter der Grenze tauschen wir die ersten Lei an einer Wechselstube. 80 km auf eintöniger Straße nähern wir uns Timisoara, dem früheren Temeschburg im Banater Land wo einst die „Donauschwaben“ siedelten.

Timisoara verfügt ebenfalls über einen barocken Stadtkern und wartet damit auf, dass hier die erste Straßenbahn Rumäniens fuhr, die erste Wasserleitung verlegt und die ersten Gaslaternen aufgestellt wurden. Hier begann auch 1989 die rumänische Revolution.
Die Gebäude hier sind allerdings in weniger gutem Zustand als in Ungarn, obwohl auch dort noch einige auf ihre Renovierung warten. Zu Ungarn generell noch ein paar Worte: Es ist ein schönes und preisgünstiges Reiseland mit Entwicklungspotential. Die Menschen sind nett und hilfsbereit, man sieht keine Graffiti, kaum Hunde und es ist sauber. Wir sind gespannt, was uns Rumänien weiter bieten wird.
Zum Wetter noch: Seit Wien begleitet uns die Sonne, bei 25° und darüber

von Timisoara nach Sibiu (Hermannstadt)

 

08.09.
Heute haben wir mit 290 km eine ziemlich lange Etappe vor uns. Ich stelle mir deshalb den Wecker zu 7.00 Uhr. Nach der Morgentoilette frühstücken wir schnell und sind dann bereits halb neun unterwegs und damit heute das erste Fahrzeug. Drei vorgeschlagene Ziele stehen auf dem Programm. Aber das erste Mal halten wir als wir auf der linken Straßenseite ein silberfarbenes Flugzeug entdecken. Es steht auf dem Gelände eines Cafés. Sehr originell und das Flugzeug ist ebenfalls mit Tischen und Stühlen ausgestattet. Nur das Cockpit ist noch im Urzustand.

Nächster Halt auch unplanmäßig. In Dobra findet ein Viehmarkt statt. Das lassen wir uns nicht entgehen und betrachten neugierig was hier so angeboten wird und studieren die Leute in ihrem Umfeld.

Auch in Deva legen wir noch einen weiteren Stopp ein, weil Astrid im Reiseführer einen Hinweis zu einer Zitadelle entdeckt hat, die mit einer Standseilbahn zu erreichen ist, die sich aber noch in der Rekonstruktion befindet. Für 20 Lei (5€) sind wir beide oben. Kein Vergleich zu Deutschland. Später essen wir noch in einem Restaurant an der Straße und sind hier für 11 € satt und der Durst ist auch gestillt, einschließlich Espresso. Deva ist den meisten Rumänen weniger der Zitadelle wegen, sondern dadurch bekannt, weil neben der Talstation die erfolgreichen Mädchen und Frauen der rumänischen Nationalmannschaft im Turnen trainiert haben, u.a. die auch bei uns bekannte Nadja Comaneci. Ihre und weitere Büsten sind hier ausgestellt.

Unsere Fahrt geht weiter nach Hunedoara (Eisenstadt). Hier ist hinter riesigen stillgelegten Industrieanlagen, in denen seit dem 17. Jahrhundert Eisen verhüttet wurde, eine weitere Burg zu entdecken. Welch ein Kontrast.

Eine Station nehmen wir uns noch vor, Alba Julia, eine Stadt in der Stadt, umringt von einer sternförmigen Mauer. Hier herrscht Trubel. Kein Wunder, es ist schließlich Sonntag und die riesige Zitadelle schön herausgeputzt und wirklich sehenswert. Als wir das Gelände verlassen strömen uns Menschen entgegen die ein Freiluftkonzert besuchen wollen.

Wir müssen leider weiter. 65 km liegen noch vor uns und das Navi sagt uns, dass wir es bis zum Briefing um 19 Uhr nicht schaffen werden. Mit einem kurzen Anruf melden wir uns ab. In zügiger Fahrt kommen wir in der Abenddämmerung in Sibiu, dem früheren Hermannstadt, an.
Die Straßen in Rumänien sind bis auf die Bahnübergänge, die nur im Schritttempo zu befahren sind, nicht schlechter als in Ungarn. Aber die Autofahrer fahren aggressiver und überholen ziemlich waghalsig. Vor jeder Kurve und jedem Ortseingang und anderen Gefahrenstellen sind die Straßen mit Querstreifen belegt über die man wie über ein Waschbrett fährt. Hier stehen auch häufig Anhalter die wir in Ungarn gar nicht gesehen hatten.
Insgesamt war dies heute ein Tag nach unserem Geschmack. Irgendwann hat man genug barocke- oder Jugendstilgebäude gesehen und die Kirchen ähneln sich auch irgendwann. Da kommen ungeplante Stopps, bei denen man den einheimischen etwas näher kommt ganz gelegen. Und die Tatsache, dass wir jetzt die Südkarpaten erreicht haben und die Landschaft abwechslungsreicher wird, ist auch angenehm.

09.09.
Die Womo’s bleiben heute stehen. Eine Stadtbesichtigung in Sibiu (Hermannstadt) steht auf dem Programm. Ein junger, umfassend informierter Stadtführer begleitet uns durch die Stadt, die 2007 Kulturhauptstadt Europas war und davon profitiert hat. Die 1150 gegründete Stadt wurde nur einmal 1241 von den Tataren zerstört. Der anschließende Bau von vier Ringmauern und 40 Wehrtürmen, die heute nur noch teilweise erhalten sind, hat sichergestellt, dass die Stadt von den Türken nie erobert werden konnte. Deshalb ist noch viel alte Bausubstanz erhalten. 1692 wurde Hermannstadt die Hauptstadt Siebenbürgens. Die deutsche Geschichte ist noch an allen Ecken gegenwärtig. 1989 sind hier 111 Menschen bei der Revolution ums Leben gekommen. Auch daran wird erinnert.
Sehenswert sind die Reste der Stadtmauer mit dem dicken Turm und einigen Verteidigungstürmen, die drei zentralen Plätze, die Kirchen, darunter die Orthodoxe Kathedrale, die der Hagia Sophia in Istanbul nachempfunden ist, sowie weitere repräsentative Gebäude. Wir essen gut, kaufen noch etwas ein und sind dann Pflastermüde. Bei der Rückfahrt zum Platz herrscht Ruhe im Bus, alle sind müde.

Über die Karpaten zu Graf Dracula

10.09.
Wir scheren wieder einmal aus. Am Ende sind wir mit 260 km rund 120 km mehr gefahren als die anderen Mitfahrer, aber es hat sich ausgezahlt, denn wir sind mit herrlicher Landschaft belohnt worden. 40 km nach Hermannstadt verlassen wir die Route und biegen rechts ab auf die 7c, die Transfăgăraşan, Richtung Făgăraş-Gebirge. Von den Siebenbürgern werden sie Fogarascher Berge oder ehrfurchtsvoll Transsylvanische Alpen genannt, die längste und höchste Bergkette der Karpaten. Ein spektakulärer Aufstieg auf serpentinenreicher Strecke bis auf mehr als 2000 m. Acht Gipfel mit dieser Höhe gibt es hier und über 50 Gletscherseen. Eine faszinierende Strecke und ebensolche Landschaft. Am Ende sind wir der Überzeugung, diese Strecke gehört landschaftlich zu den Top 5 der Strecken die wir je gefahren sind.
Aber eben nur landschaftlich, die Straßen sind bisweilen eine Katastrophe, was aber den positiven Gesamteindruck nicht schmälern kann. Auf der Passhöhe halten wir an, essen gut im Bergrestaurant, erleben wie innerhalb kurzer Zeit alles um uns herum im Nebel verschwindet und ebenso schnell der Himmel wieder klar zu sehen ist. An den auch hier unvermeidlichen Ständen kaufen wir noch Käse und Wurst aus Widderfleisch. An der Südseite geht es gemächlicher aber ebenso kurvenreich zu Tal mit schönen Ausblicken auf herrliche Bergseen. Wir fahren durch beschauliche Dörfer in denen Neubauten neben renovierten Häusern stehen, aber natürlich auch verfallene Häuser zu finden sind. Im Unterschied zu Ungarn fällt auf, dass viele Hunde frei herum streunen. Auch die Kühe laufen frei umher und überqueren dann auch mal unvermittelt die Straße. Während das Dorfleben oft den erwarteten Bildern entspricht, wenn die Bauern mit ihren Einspännern unterwegs sind oder die Kartoffeln von Hand gerodet werden, werden wir wohl die sonstigen Vorstellungen von Rumänien über Bord werfen müssen. Es ist ein freundliches Land mit lebensfrohen Menschen und einer reizvollen Landschaft und damit vielleicht noch interessanter als das ebene Ungarn. Wenn nur die Straßen nicht wären, die nach dem Grenzübertritt doch zunächst so hoffnungsvoll stimmten. Die Querverbindung zwischen der Transfăgărasan und der wieder nach Norden führenden Straße Richtung Brasov verlangt uns und dem Womo auf den letzten 20 km alles ab. Viele Löcher, Bodenwellen und ausgefräste Stellen, die vielleicht mal wieder gefüllt werden sollen aber ungesichert sind, machen das Fahren zur Tortur. Ein extremer Querschlag führt dazu, dass wir unsere Sachen aus den Ablagen am Heck, nachher hinter der Verbindungstür wieder finden.
Wir sind dann wieder einmal die Letzten auf dem Platz, aber glücklich.

11.09.
Heute ist Ruhetag was das Fahren angeht. Mit Ausschlafen ist aber trotzdem nichts. Um 9.00 holt uns der Bus ab zur nahegelegenen Törzburg in Bran, die gemeinhin als das Dracula-Schloss gilt und hier auch intensiv so vermarktet wird. Dabei hat das Schloss weder mit Vlad Tepeş, dem Pfähler, der dem Geschlecht Dracul entstammt, noch mit der Romanfigur Dracula irgendetwas zu tun. Vlad Tepeş soll angeblich nur im Tal vorbei geritten sein oder allenfalls drei Tage auf dem Schloss verbracht haben. Man findet deshalb hier weder Folterkammern noch Gefängniszellen, sondern Einrichtungen der rumänischen Königsfamilie. Heute gehört das Anwesen den habsburgischen Nachkommen. Es ist ein schönes Schloss, fast ein Märchenschloss mit verwinkelten Treppen, schmalen Gängen und schönen Aus- und Einblicken, aber man kann dessen Reiz nur eingeschränkt aufnehmen. Wir sind als Gruppe zu groß und mit uns sind sehr viele weitere Touristen in den engen Mauern unterwegs. Wir wollen uns gar nicht vorstellen, wie es hier in den Sommermonaten zugeht.

Die Fahrt geht jetzt nach Braşov bzw. Kronstadt. Hier machen wir eine Stadtbesichtigung, die wir außerhalb der Stadtmauer vor dem Berg Tempa beginnen. Von hier hat man bereits einen schönen Überblick, erkennt den weißen und den schwarzen Turm, der eigentlich auch weiß aussieht und die schwarze Kirche, die deshalb so heißt, weil sie nach einem Stadtbrand schwarz war. Beim Rundgang lernen wir den morbiden Charme der Stadt kennen und erahnen welchen Reiz sie erst hätte, wäre sie bereits umfassend restauriert. Dann muss sie einen Vergleich mit Hermannstadt nicht scheuen.

Dritte und letzte Station für heute ist die Kirchenburg in Tartlau,18 km von Braşov entfernt. Sie ist die am besten erhaltene ihrer Art in ganz Siebenbürgen. Im Inneren der im 13. Jahrhundert gebauten Anlage steht eine Kirche mit dem ältesten Altar Siebenbürgens. In die Kirchenburg zog sich der ganze Ort während der Angriffe von Türken und Tataren zurück. Hinter den dicken Wehrmauern waren sie geschützt. Die Burg ist nie eingenommen worden.
Einige Szenen des Films „Die Päpstin“ wurden hier gedreht.

Kloster und Märchenschloß in Sinaia und Stadtführung in Bukarest

12.09.
Heute geht es in die Hauptstadt nach Bukarest. Wir nehmen dazu die empfohlene Strecke, denn die Alternativstrecke hatten wir bereits vorgestern absolviert, als wir die üble Querverbindung hinter uns gelassen hatten. Diese Strecke, die nur wir bewältigt hatten, haben wir heute Anderen wegen der landschaftlichen Schönheit zur Nachahmung empfohlen. Allerdings ahnten wir da noch nicht, dass die heutige Strecke noch schöner ist und wir uns fast wie in der Schweiz fühlten. Viele herausgeputzte und auf Tourismus eingestellte Orte vor malerischer Bergkulisse auf 1200m. Und selbst die Straßen sind hier gut.
Unser Zwischenziel ist Sinaia und das dort befindliche Schloss Peleş. Sinaia zu finden ist nicht so schwierig, aber die Zufahrt zum Schloss. Alle Zufahrtsstraßen die wir ansteuern sind gesperrt wegen Bauarbeiten. Astrid will schon aufgeben, aber der Hinweis im Reiseführer, dies sei das schönste Schloss Rumäniens, entfacht meinen Ehrgeiz. Zufällig treffen wir noch ein Paar aus unserer Gruppe, das uns auf einen Parkplatz hinweist von dem aus wir den Aufstieg zu Fuß in Angriff nehmen. Nur 930m bergauf sagt mein Smartphon, dass ich mit Sygic seit einigen Tagen zum navigieren nutze. Das im Womo eingebaute Navi deckt Rumänien nur unzureichend ab, während Sygic nahezu jeden Feldweg kennt. Am Ende gehören wir zu den Wenigen, die das Schloss besucht haben und das sich tatsächlich als ein sehr schönes, üppig ausgestattetes und fast märchenhaftes Schloss erweist. Zuvor entdecken wir noch ein schönes Kloster und investieren hier Eintrittsgeld für einen lohnenden Besuch. Das Kloster Sinaia ist sehenswert und beherbergt heute ein Museum für religiöse Kultur.

Nur ein kurzer Weg an obligatorischen Verkaufsständen vorbei führt uns dann zum eigentlichen Ziel. Für das Schloss was sich unserem Anblick bietet, wurde 1875 unter König Karl I. der Grundstein gelegt. Im Stil der italienischen Neorenaissance erbaut, verfügte es bereits um 1900 über eine Zentralheizung, Aufzüge und Telefon. Über ein eigenes Elektrizitätswerk war es möglich das Glasdach elektrisch zu öffnen. In diesem Schloss fand im eigenen Theatersaal 1906 die erste Filmvorführung Rumäniens statt. Es ist mit edlen Materialien sehr abwechslungsreich und fast schon überladen ausgestattet. Ein richtiges Märchenschloss eben, dass seit 1989 als Museum zugänglich ist. Der Besuch ist nur im Rahmen einer Führung möglich, leider nicht auf Deutsch. Aber es lohnt sich allemal, was die vielen Bilder die ich hier geschossen habe belegen.

Wir nähern uns Bukarest bei 30° und mit ungewohnten 100 km/h auf gut ausgebauter Straße und sind gespannt, ob uns hier tatsächlich rudelweise aggressive Hunde erwarten. Dazu gab es gestern Abend ein Erlebnis, wie bei der sog. „stillen Post“. Ein Mitreisender wusste zu berichten, dass das Auswärtige Amt eine Reisewarnung heraus gegeben habe für Bukarest, wegen der großen Zahl streunender Hunde. Tatsächlich lag dem zugrunde, dass in der deutschen Zeitung für Siebenbürgen, die ich auch gelesen hatte ein Artikel stand, dass in Bukarest über 60.000 herrenlose Hunde umher streunen, die tatsächlich in Rudeln einzelne Personen angefallen hätten, wobei es auch Todesfälle gegeben haben soll. Auf jeden Fall schlimm genug.
Am Abend auf dem Campingplatz entschließen wir uns das nahegelegene Restaurant aufzusuchen. Nach dem Essen werden wir hier von Regen und Gewitter überrascht und ich muss zum Platz joggen, weil die Dachfenster am Womo offen stehen. Mit Schirmen bewaffnet kehre ich zurück und erhalte dafür große Anerkennung obwohl wir sie am Ende nicht mehr brauchen. Allerdings bin ich ziemlich nass geworden.

13.09.
Stadtbesichtigung von Bukarest steht auf dem Programm. Mit dem Bus und zu Fuß erkunden wir, begleitet von einer sehr kundigen Stadtführerin die Hauptstadt mit ihren vielen stark renovierungsbedürftigen Bauten und den Prunk- und Protzbauten der Ceauşescu-Zeit. Das Parlamentsgebäude erschlägt einen förmlich in seinen Dimensionen. Wir besichtigen den Palast mit einer jungen Führerin, die uns die weitläufige Anlage sachkundig erläutert. Am Ende, so sagt sie, haben wir gerade mal 2% des Gebäudes gesehen.

 

 

Vieles in der Stadt wirkt grau, man erkennt aber die schlummernde Bausubstanz und in anderen Bereichen pulsiert das Leben. Zahlreiche Bausünden sind hier begangen worden, auch in der Zeit nach 1989 und die Stadt erstickt an ihrem Verkehr, obwohl auffällt, dass so gut wie keine alten Autos unterwegs sind. Der Personenkult aus der Ceauşescu-Ära ist allgegenwärtig und prägt das Stadtbild. Aber die Stadt hat Potential.

Auf zum Schwarzen Meer

14.09.
Wir verlassen die Hauptstadt und wenden uns nach Osten. Das schwarze Meer ist unser heutiges Ziel. 3 Anfahrtsrouten stehen zur Auswahl und wir entscheiden uns für die längste mit rund 300km bei der die Donauüberquerung mittels Fähre vorgesehen ist. Außerdem sollen noch Klöster und Überreste einer römischen Anlage, das Tropaneum Traiani, sehenswert sein. Wir fahren deshalb aus Bukarest und nehmen nicht die Autobahn, sondern die B3. Ab Lehliu-Gara nutzen wir dann doch die A2 bis Dragalina und schwenken dann im rechten Winkel nach Süden nach Călarasi und zur Fähre. Ein Womo aus unserer Gruppe kommt uns schon entgegen und wir vermuten schon, dass die Fähre evtl. doch nicht geht, wie gestern jemand gemutmaßt hatte. Wir fahren aber weiter und finden beträchtlichen Andrang vor. Eine Fähre entfernt sich gerade vom Ufer. Wir reihen uns ein, bezahlen 65 Lei und warten. Bereits die nächste Fähre nimmt uns mit. Astrid steigt vor der Auffahrt aus um Fotos zu machen, kommt aber dann nicht mehr ins Womo. Es ist zu eng. Die Fähre, die eigentlich ein Ponton ist, mit einem älteren Schubschiff an der Seite, ist so voll gestellt, dass wir Sorge um die Unversehrtheit unseres Schmuckstücks haben. Das Herunterfahren gestaltet sich schwierig, weil hohe Absätze zu überwinden sind und uns nur ein besserer Feldweg erwartet. So sieht also die einzige Verbindung weit und breit über die Donau, kurz vor der bulgarischen Grenze, aus.

Wir fahren wieder auf der B3, haken ein weiteres Kloster ab, bei dem uns erstmals auch bettelnde Kinder bedrängen. Insgesamt wirken die Umgebung und die Orte südlich der Donau ärmlicher. Das Kloster ist gut besucht. Es ist schließlich Samstag.

Unterwegs ist die Straße mit Splitt bestreut, was drei PKW’s zum Verhängnis wird. Auf einer Strecke von 100m liegen sie allesamt zerbeult am Straßenrand. Mindestens einer davon mit Totalschaden. Viele wird dieses Schicksal aber nicht mehr treffen. Ganze Familien sind hier im Einsatz um überschüssigen Splitt mit Zweigen und anderen Hilfsmitteln zusammen zu fegen und einzusacken. Weiter zum Tropaneum Traiani. Wenig spektakulär, ebenso wie das Monument in der Nähe.

Wir nehmen dann die südliche Anfahrt zum Campingplatz, durchqueren dabei Constanta und landen direkt am Schwarzen Meer. Wir gehören zwar wieder zu den Letzten, erhalten aber einen schönen Platz direkt am Strand zugewiesen, der trotz Wochenende verlassen ist. Die Saison ist bereits zu Ende.

Bootsausflug ins Donaudelta

15.09.
Heute bleibt das Womo stehen. Wir machen eine Bus- und Bootstour in das Donaudelta und haben dafür erneut einen sachkundigen Führer. Wassili erläutert uns nicht nur Flora und Fauna des Donaudeltas, sondern erzählt uns viel Interessantes zu Rumänien, seiner Geschichte und den Verhältnissen nach der Wende. Die neue Führung kommt dabei nicht sonderlich gut weg. Die Regierung ist korrupt, nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Die Parlamentarier kommen nicht besser weg, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Er lässt im Bus Bilder und Karten zu Flora und Fauna im Donaudelta, aber auch Bildbände zu Zerstörungen von Bauten in Bukarest durch die Kommunisten in den achtziger Jahren und zu den gewaltsamen Auseinandersetzungen Ende 1989 herum gehen. Sehr deprimierend, dieses so zu sehen. Vor allem, weil das für alle im Wesentlichen unbekannt ist. Die meisten im Bus haben, wie wir, seinerzeit nur die Erschießung der Ceauşescus wahrgenommen.
Rumänien hat durchaus Potential, vor allem in der Landwirtschaft und im Tourismus. Aber dafür, so Wassili, müssen sich Mentalität und die Bedingungen ändern.
Besonderes Augenmerk widmet er auch den Ereignissen vor, während und nach der Revolution. Es hat hier große Auseinandersetzungen gegeben, bei denen anders als in den anderen Ostblockstaaten auch mehr als Eintausend Todesopfer zu beklagen waren, aber auch die früheren Diktatoren, Ceauşescu und dessen Frau im Dezember 1989 erschossen wurden. Auf dem Boot im Donaudelta treffen wir dann noch auf einen anderen rumänischen Reiseführer, der eine Gruppe aus Norddeutschland begleitet und der eine differenzierte Ansicht vertritt. Er meint Ceauşescu habe auch positive Seiten gehabt, indem er sich dem Einfluss der Sowjets entzogen und zum Beispiel 1968 nicht mit in die CSSR einmarschiert sei, enge Beziehungen zum Westen unterhalten und die Staatsschulden getilgt habe. Dies allerdings mit einem Sparkurs der die eigene Bevölkerung an den Rand der Existenz gedrängt hat. Der Personenkult und die eigene Machtsicherung sowie die Rolle der Geheimdienste hätten das System zudem unerträglich gemacht.
Unsere Bootsfahrt, bei der wir durch das Donaudelta bis an die ukrainische Grenze kommen ist interessant, wird aber durch das trübe Wetter und den Regen am Vormittag etwas getrübt. In der Donau liegen Dutzende alte Frachtschiffe auf ukrainischer Seite und rosten vor sich hin. Die Grenze verläuft hier in Flussmitte.
Wir essen an Bord, landen am Nachmittag wieder an und fahren dann wieder eineinhalb Stunden bis zum Campingplatz. Den Abend verbringen wir in gemütlicher Runde am Strand. In Constanta wird ein Feuerwerk in den Himmel geschossen.